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Deutschlandradio Kurzbericht vom 10.01.2007

[Krähe krächzt] Das “House of Life” liegt mitten in Kreuzberg in einer ruhigen Wohnstraße und unterscheidet sich nicht von den Hochhäusern links und rechts. [Besteck klirrt aneinander] Sieben Uhr morgens auf der achten Etage. Tina Spannenberg bereitet im Gemeinschaftsraum das Frühstück vor. Die Pflegerin deckt den Tisch, verteilt die Brötchen, setzt Kaffee auf. [Eine Frau lacht] Das tiefe Lachen ist ihr Markenzeichen. Ein zierlicher Blondschopf mit Nasenpiercing und kleinen Tattoos auf Hand und Unterarmen. Die Fünfzigjährige war früher aktiv in der autonomen Szene, hat über Jahre in Amsterdam gelebt, dort im Methadonprogramm mitgearbeitet. Gerade deshalb passt sie gut zum “House of Life”, sagt sie. [Tinas Stimme] Das sind alles Menschen, die doch zum Teil oder so auch eine Drogenerfahrung hinter sich haben, sie haben sehr viel mit Homosexualität zu tun, HIV - Ja viele, die halt wirklich auch ein buntes Leben schon hinter sich haben oder mit drin gesteckt haben. Auch viele sind in dem Alter, die kennen die ganze Zeit der Hausbesetzer und die ganzen Aktionen auch gegen dieses System. Viele dieser Leute sind ja auch Aussteiger und deshalb kann ich die Leute sehr gut verstehen. Ich kann diesen Widerstand gegen dieses System nachfühlen. Ich kann dieses Aussteiger-Dasein nachfühlen. Ich kann das einfach nachfühlen.

[Küchengeräusche] [Eine Stimme aus dem Off sagt fröhlich “Halli-Hallo”] Zeit zum Aufstehen. Fünfzehn Männer und Frauen wohnen hier in Einzelzimmern. Alle zwischen Mitte Zwanzig und Mitte Fünfzig. Fast alle Aids-Patienten. Tina weckt jeden persönlich, obwohl sie alleine auf der Etage ist. [Ein Türschloss geht auf] [Tina: “Guten Morgen, Maxe.” Maxe: “Ich möchte weiterschlafen” Tina: Du möchtest weiterschlafen? Okay.”] Jeder kann sich sein Zimmer so einrichten, wie er will. Nur das Bett wird vom Haus gestellt. Bei Herrn Prokop ist der Vorhang noch zugezogen, die kleine Nachttischlampe brennt. Er sitzt halb angezogen am Tisch und sortiert CDs. [Herr Prokop: “Guten Morgen, ich habe das mit den Pflegern jetzt schon ausgemacht und die halten sich Gott sei Dank daran, dass die an meine Tür anklopfen und ich mach die Tür auf. Ich kann das absolut nicht haben, wenn man in meine Intimsphäre einfach so reinplatzt.” Tina: “Da haben Sie vollkommen recht, ich entschuldige mich dafür, Herr Prokop” Herr Prokop: “Angenommen.” Tina: “Okay, Tschüssi!” Herr Prokop: “Tschüss!” [Eine Tür schließt]] Uwe Remoczevski, ein anderer Bewohner, lenkt sie ab. Er steht auf dem Flur und zieht seine Jacke an. Der Einundvierzigjährige ist HIV-positiv. Ein schlanker kleiner Mann, den es immer wieder nach draußen zieht. So wie jetzt. [Uwe: “Tina, ich geh’ jetzt nach Haus’, ja?” Tina: “Du fährst nach Hause? Was heißt hier nach Hause? Du isst kein Mittagessen und gar nichts?” Uwe: “Ja” Tina: “Ich hebe das Mittagessen trotzdem für dich auf, kann ja sein, dass du dann doch wieder herkommst. Ja? Okay!”]. Uwe Remoczevski muss betreut werden, weil er sonst verwahrlosen würde, sagt Tina. [Tina: “Wenn man bei ihm nicht ständig in das Zimmer geht - sollen wir mal reingucken?” Interviewerin: “Ja.”] Jeder Bewohner besitzt einen eigenen Schlüssel. Tina hat den Generalschlüssel. [Eine Tür geht auf.] An der Wand neben der Tür hängt ein Namensschild. Das Radio ist an. Chips und Erdnüsse liegen auf dem Boden verstreut. [Tina: “Deshalb habe ich ihm mal diesen Korb besorgt, damit er wenigstens seinen unendlichen Konsum an Snacks ein bisschen ordnen kann. Aber das ist typisch. Also, wenn wir nicht jeden Tag mal so reingucken würden, ja? Dann würden hier Sachen stehen, die verschimmeln und, und und. Er selber sieht das natürlich nicht so. Da müssen wir schon jeden Tag reingehen und gucken: was ist verdorben”. Plastikverpackung raschelt in Tinas Händen. Tina: “Das mache ich dann nachher wieder.” Eine Tür schließt.] [Wasser plätschert und Menschen murmeln] Tinas Dienst dauert acht Stunden, dann wird sie abgelöst. Sie hilft beim Duschen, Rasieren, Anziehen, verteilt Medikamente, bringt die Bewohner zur Rehabilitation in den ersten Stock. Es gibt auch ein Café, Billard- und Computerraum, Ausstellungen und Konzerte. Freizeitangebote, die es in einem Seniorenheim nicht gibt. [Stühle werden verschoben. Schuhe schleifen über den Boden.] Mittagessen im Erdgeschoss. Ein großer Saal, indem die über einhundert Bewohner aus allen acht Etagen Platz haben. Nicht alle sind HIV-positiv. Andere haben Krebs oder sind nach einem Schlaganfall gelähmt. Aber sie alle sind zu jung für die Altenbetreuung. Tina verteilt, zusammen mit ihren KollegInnen in den anderen Stockwerken das Mittagessen. [Geschirr klappert und viele Menschen reden.] Tina ist älter als die meisten Bewohner hier. Besonders schlimm ist es, sagt sie, wenn einer von ihnen stirbt. Wie kürzlich Alexander. Er war erst siebenundzwanzig. [Tina: “Dieser junge Mann hat überhaupt nicht die Möglichkeit gehabt, sein Leben richtig zu leben. Das ist auf jeden Fall schon etwas anderes, als wenn eine Frau mit siebenundachtzig stirbt. Man begleitet sie auch bis zum Tod, aber dann hat man nicht so dieses Gefühl das - natürlich tut es einem auch weh, wenn man persönlichen Kontakt hat, aber es ist ein Unterschied, als wenn jemand stirbt, der fünf-, sechs-, siebenundzwangzig ist. Das berührt einen schon.”] Es ist das einzige Mal an diesem Tag, dass Tina still wird. Im nächsten Moment ist ihr Lächeln wieder da. [Uwe: “Tina!”] Uwe Remoczevski ruft. Es ist Zeit für seine Tabletten. Tina läuft den Gang hinunter. [Tina lacht]
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rbb Inforadio Kurzbericht

Von außen sieht der siebenstöckige Bau aus den sechziger Jahren nicht gerade einladend aus, aber innen schmücken Bilder und Poster die hellgestrichnenen Wände der langen Flure und ein Café im Erdgeschoss lädt zum Verweilen ein. Dass es das “House of Life” so überhaupt gibt, ist Romy Arnold von der Pflegedienstleitung zu verdanken. Als die Krankenschwester vor Jahren in die stationäre Altenpflege wechselte, fiel etwas unangenehm auf. [Romy Arnold: “Ich habe es erlebt, als ich dann in die Pflegeheime ging, dass zwischen älteren Herrschaften wirklich junge Menschen lagen. Und das hat mich immer so irritiert. Ich habe dann gefragt warum muss das eigentlich so sein? Warum kann man nicht ein Zentrum schaffen, wo alle jüngere Menschen zusammen sind, wo man auch ein kulturelles Angebot schafft, wo man auch die Interessen dieser jüngeren Menschen vertritt?”] Gesagt, getan. Arnold entwickelte ein neuartiges Betreuungskonzept für junge Pflegebedürftige, überzeugte ihren Arbeitgeber, die Arbeiterwohlfahrt, davon und seit Januar sind nun in dem ehemaligen Seniorenheim an der Blücherstraße über neunzig Patienten untergebracht, deren Durchschnittsalter bei gerade einmal sechsunddreißig Jahren liegt. Daniel Schwarzer ist einer von Ihnen. Er hat Aids und ihm gefällt es im “House of Life”. [Daniel Schwarzer: “Also um acht Uhr wird geweckt und dann kann jeder machen, was er will. Es gibt hier auch Freizeitangebote. Man kann kickern. Hier ist mehr Aktivität, hier ist mehr Leben drin in dem Haus, finde ich.”] Anders als in den anderen Pflegeheimen, in denen der spindeldürre einundvierzig Jahre alte Mann schon war. Neben vielen Therapieangeboten gibt es manchmal auch Filmabende oder das Multitalent Gordon Gatherer tritt mit seiner Band auf - kostenlos. Nicht alle Angebote sind auch etwas für die Vierundvierzigjährige schwer hirngeschädigte Susanne, aber ihr Vater Klaus Büther, der sie täglich besucht, ist dennoch froh, dass sie im “House of Life” untergekommen ist. [Klaus Büther: “Ich bin zufrieden, dass sie hier ist, trotzdem ich immer sage, “Heim” ist nichts. Aber hier kann man sagen: das ist gut. Sehr gut sogar.”] Deutschlandweit einzigartig sei das “House of Life”, lobt auch Hans Nisblé, der Landesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt in Berlin, die Einrichtung, um zugleich mehr Geld einzufordern. [Hans Nisblé: “ Die Arbeiterwohlfahrt möchte die Gelegenheit wahrnehmen, ganz klar in Richtung Politik und Krankenkassen darauf hinzuweisen, dass für die Art der Einrichtung wir einen verbesserten Pflege- und Betreuungsschlüssel brauchen.”] Noch müssen aber rund dreißig Pflegekräfte die Arbeit erledigen, unterstützt von fünfzehn ehrenamtlichen Mitarbeitern, den sogenannten Zeitschenkern. Sie machen beispielsweise kleine Spaziergänge mit den Bewohnern oder helfen ihnen beim Kochen ihres Lieblingsgerichtes und tragen so wesentlich zu der besonderen Atmosphäre des Hauses bei.